Dieser Artikel beschreibt den Herdenschutzhund aus meiner Sichtweise
– so wie ich diese tollen Arbeitshunde, zusammen mit vielen Kunden im Einzeltraining, in der Sozialisierung und unter Artgenossen erleben, trainieren und studieren durfte. Oft handelte es sich um Herdenschutzhunde, die einfach nur eine artgerechte Erziehung brauchten. Herdenschutzhunde, die sozial unsicher, sich aufgrund von Misshandlung oder schlechten Erfahrungen aggressiv zeigten, und sich mit ihrem Halter zusammen, von Trainingseinheit zu Trainingseinheit wieder positiv verändert haben.
Der Bollerkopp
Als Welpe weicht das Verhalten des Herdenschutzhundes nur geringfügig von anderen Hunderassen ab. In der Welpen- und Junghundegruppe sollte auf eine gute Sozialisierung zu Artgenossen und Menschen geachtet werden. Im Freilauf mit Artgenossen ist es essentiell, dass sie beim Spielen und Austesten der Sozialkompetenzen, andere Hunde nicht „unterbuttern“ oder stets unterwerfen. Das ist nicht gut für das Ego. Großwüchsige Hunde – nicht nur Herdenschutzhunde – wachsen in den ersten Lebensmonaten sehr schnell, und sind dem entsprechend kleineren Hunderassen körperlich schnell überlegen. Da kann es schnell einseitig zu Lasten der Kleineren gehen. Das darf nicht passieren. Denn nicht die Hunde klären unter sich, sondern wir Menschen klären. Herdenschutzhunde lernen genau wie alle anderen Rassen das übliche Grundgehorsam wie etwa Sitz und Platz sowie Geduld und mit Frustration umzugehen. Sie lernen genauso wie andere Hunde – nur alles nur etwas langsamer in der Ausführung.
Der Spätentwickler
Großwüchsige Hunderassen sind meistens Spätentwickler. Auch altersbedingte Verhaltensmuster wie Pubertät durchleben große Hunderassen etwas später. Das Training und die Sozialisierung von Herdenschutzhunden unterscheiden sich ab einem Alter von ca. 6 bis 8 Monaten in vielen Details von anderen Hunderassen. Das Training speziell für Herdenschutzhunde entwickelt, ist allerdings auf alle anderen Rassen anwendbar. Umgekehrt funktioniert es nicht. Ausgewachsen ist der Herdenschutzhund je nach Rasse zwischen drei und vier Jahren. Genauso lang braucht auch die Festigung seiner Charaktereigenschaften. Bis zu diesem Alter werden Sie immer neue Entwicklungsstadien an ihrem Herdenschutzhund feststellen. Unter anderem auch die Phase des Fremdelns, was man von unseren Menschenkindern kennt, durchleben Hunde auch. Bei Hunden kann man hier, aus meiner Erfahrung heraus, leider keine klare Alterslinie festmachen. Meiner persönlichen Erfahrung nach, liegt die Phase des Fremdelns so zwischen dem dritten und dem achtzehnten Lebensmonat, in dieser Phase kann es zur Unsicherheit gegenüber Umweltreizen oder auch zur Angst vor Menschen und/oder Artgenossen führen. Auch wenn der Hund im Vorfeld sehr gut sozialisiert und geprägt war. In Dieser Phase ist es wichtig, dem Hund die nötige Sicherheit zu geben und unter fachkundiger Anleitung an dieser Situation zu arbeiten.
Der Sturkopf
Der Herdenschutzhund führt Anweisungen nicht sofort aus – es kann manchmal einfach etwas dauern oder man muss die Anweisung gegebenenfalls auch zwei- bis dreimal wiederholen. Manche Menschen setzen dieses Verhalten mit Sturheit oder Ignoranz gleich. Dem ist nicht so. Ich bezeichne dies als Eigenständigkeit. Denn sie sind dahingehend gezüchtet worden, um Herden selbstständig zu bewachen und zu beschützen. Das erfordert auch eigenständige Entscheidungen. Für das Training braucht es daher viel Geduld, Konsequenz und Liebe – damit erreicht man beim Herdenschutzhund eine ganze Menge.
Der Angsthase
Herdenschutzhunde zeigen sehr oft ein von uns als unsicher interpretiertes Verhalten. Dies ist aber meistens eine gesunde Vorsicht vor Dingen, die der Herdenschutzhund nicht (ausreichend) kennt. Denn wenn es darum geht, seine Familie, die Herde, auf die er geprägt ist, oder nur ein Grundstück zu bewachen, dann macht der Herdenschutzhund kompromisslos zu 100 Prozent seine Arbeit. Daher sollte man Unsicherheit nicht mit Angst gleichstellen. Der Herdenschutzhund ist, wenn es darum geht, Ressourcen zu bewachen, zumeist ein sehr mutiger Hund. Ein ebenfalls oft als Menschen gegenüber unsicher interpretiertes Verhalten, ist die vom Herdenschutzhund eingeforderte Einhaltung der Individualdistanz – was viele andere Hunderassen allerdings auch machen. Sie meiden die Nähe und das angefasst werden durch Fremde.
Der Wächter
Mit Vorliebe liegt der Herdenschutzhund auf Anhöhen, um sein Territorium besser bewachen zu können. Viele Herdenschutzhunde sind sehr bellfreudig und teilen ihrer Umwelt mit, was sie bewegt. Aufgrund der Wachsamkeit haben sich auch hervorragende Sinnesleistungen entwickelt. So zeigt sich auch im visuellen Bereich, dass der Herdenschutzhund ein hohes Auffassungsvermögen besitzt. Der Herdenschutzhund besitzt eine enorme Anpassungsfähigkeit an jedes Klima und jede Situation, wodurch sie auch eine enorme Widerstandsfähigkeit besitzen. Bei großer Hitze fährt der Herdenschutzhund seine Vitalfunktionen herunter, um Energie zu sparen, damit er in Situationen, die seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit benötigen, 100% Leistung geben kann. Als Arbeitshund verfügt der Herdenschutzhund über sehr große Ausdauer, körperlich genauso wie geistig. Er strahlt sehr viel Ruhe und Gelassenheit aus, dennoch ist er wendig und stark, und wenn es darauf ankommt, verdammt schnell. Der Herdenschutzhund verfügt genau wie jede andere Hunderasse auch über das Beutegreifverhalten. Denn dieses Sichert ihm in freier Natur das Überleben.
Gute Sozialisierung & Bindung
Wer sich einen Herdenschutzhund in die Familie holt, für den ist es Pflicht, ab sofort regelmäßig Besucher zu empfangen, damit ein territoriales Schutzverhalten erst gar nicht entsteht und die Gewöhnung an verschiedene Menschen stattfindet (und auch beibehalten wird). Mit artgerechter Anleitung durch seinem Hundemenschen lernt der Herdenschutzhund Besucher zu akzeptieren. Auch Umgangsregeln im Haus sowie eine klare Struktur im Tagesablauf helfen dem (Herdeschutz-) Hund, sich in die familiäre Struktur einzufinden und vermitteln Ruhe sowie Sicherheit. Weiterhin ist es wichtig darauf zu achten, dass der Hund seine Hundemenschen, nicht auf Schritt und Tritt verfolgt. Denn daraus kann in der Regel ein Kontroll- und Schutzverhalten entstehen.
Der Mensch ist der Schlüssel
Jeder Mensch und auch jeder Hund ist ein einzigartiges Individuum. Daher braucht man sehr viel Erfahrung im Umgang mit Menschen sowie auch mit Hunden. Im Training muss man sich auf jeden einzelnen Hund so wie auch auf dem Menschen einstellen können und natürlich auch ganz besonders „rassetypisch“ arbeiten können. Ich liebe die Herausforderung und arbeite gerne mit Hunden und ihren Menschen. Jedes Mensch-Hund-Team lässt mich dazulernen. Denn Lernen hört nie auf. Wer sich einen Herdenschutzhund in die Familie holt (und das gilt natürlich auch für andere Schutzhunde-Rassen), der sollte eine starke Persönlichkeit besitzen. Am besten mit Führungspotenzial und -Wille, sonst übernimmt der Hund gerne die Verantwortung im Mensch-Hund-Gefüge. Das wird dann unter Umständen nicht Lustig! Allerdings können wir einem Schutzhund auf der einen Seite nicht nur etwas „wegnehmen“, sondern müssen ihm auf der anderen Seite auch Aufgaben zugestehen. Denn sonst sucht sich der Hund eigenständig und/oder aus Frustration Ersatzhandlungen. Diese können sehr unterschiedlich sein – wie zum Beispiel Leinenaggression. Es gibt Möglichkeiten, an der eigenen Persönlichkeit und dem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Eine ganz besondere Möglichkeit, die mir persönlich auch geholfen hat, meine Persönlichkeit weiterzuentwickeln, werde ich dir gerne an andere Stelle vorstellen. Gut sozialisiert sind Herdenschutzhunde jedenfalls tolle Familienhunde, die im Ernstfall für die Familie durchs Feuer gehen.

